Think Aloud | Von Perfektions- und Moralansprüchen // habits Mag

avocado

Erschienen am 06. Juni 2017 auf habitsmag.com

Vor Kurzem las ich ein einem Dossier in der Zeit, wie schädlich der Anbau von Avocados eigentlich für die Umwelt ist. Ausgerechnet jene Superfrucht, die in der westlichen Welt als Sinnbild für das bessere Leben steht, saugt derart viele Nährstoffe aus dem Boden, dass sie ihn danach nicht selten als Brachland zurücklässt. Von den Unmengen an Wasser, die in die Reifung einer einzelnen Frucht gepumpt werden müssen, ganz zu schweigen. Ebenso von den langen Transportwegen, die einen entsprechenden CO2-Ausstoß mit sich bringen. Kurzum: An der Avocado auf unserem Teller ist eigentlich nichts super. Schöner Mist. Meinen Konsum der grünen Frucht habe ich seitdem eingeschränkt. Das funktioniert ganz gut. Die Avocado komplett aus dem Kühlschrank zu verbannen, ist mir allerdings noch nicht gelungen und ich würde sogar behaupten, damit hatte der Beitrag noch immer mehr Affekt auf mich, als auf viele andere die ihn gelesen haben. Denn irgendwie ist es doch so: In der Theorie mögen wir zwar wissen, dass einiges, was wir in unserem Alltag verzapfen, nicht ganz koscher ist, doch ist die Praxis eben nicht die These auf dem Papier. Man könnte sogar sagen die Tendenz zum Fehler ist ein ursprüngliches Charakteristikum des Menschen. Nur will er das eigentlich nicht so wirklich wahrhaben – besonders nicht in Zeiten von Selbstoptimierung und Perfektionsdrang. Der Mensch als wandelnde Mangelerscheinung dieses Bild mag vielleicht in emotionsgetriebenen Epochen wie dem Sturm und Drang oder der Romantik einen Platz haben. In unserer kapitalistischen Gegenwart hat das alles aber nichts mehr zu suchen. Stattdessen stellen wir uns in den Dienst von Rationalität und nüchterner Argumente. Wohl auch ein Resultat der immer schneller werdenden Kommunikations- und Denkstrukturen, mit denen wir angesichts des rasanten technischen Fortschritts oft nur noch schwer mithalten können. Haben wir die aufklärerischen Ideale vielleicht sogar auf ihre pervertierte Spitze getrieben? Ja und Nein.

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