„Die wilden 70er“, oder: Modische Freiheit?

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Bild: Zara

It´s all about Coachella. Zumindest kommt man eigentlich kaum um DAS Festival unter den Festivals herum, wenn man sich nicht dazu entschlossen hat, an diesem Wochenende Facebook, Instagram und Co, abstinent zu sein. Und natürlich verlangt es uns  fast obligatorisch auch modisch jetzt nach ein wenig Festival-Boheme-Flair. Von groben Häkelmustern, über Federn und Fransen sowie cognacfarbenes Wildleder, bis hin zu Jeans Shorts, Cropped Tops, Sandalen und Beuteltaschen: Zeit die adrette Garderobe im Schrank zu lassen, um sich endlich einmal wieder so richtig frei zu fühlen.

Wie praktisch daher, dass wir in dieser Frühjahr-/Sommersaison schon Zeit und Gelegenheit hatten, uns ausgiebig mit den nötigen It-Pieces einzudecken. Denn dank dem aktuellen 70s Trend dürfen wir uns nun also auch außerhalb des Festivalgeländes ein wenig wie Blumenkinder fühlen. Die Flower Power ist allgegenwärtig und selbst für den schnöden Büroalltag lässt sich das ein oder andere Teil durchaus zweckentfremden. Die Mode scheint endlich wieder ihre Lust am Spiel mitsamt ihrer Leichtigkeit entdeckt zu haben. Genug von eingeschnürten Taillen, Bodycon-Kleidern und ja, auch Röhrenjeans gehören allmählich der Vergangenheit an. In dieser Saison gelüstet es uns nach weiten Formen. Fließende Blusen mit Volants, verspielte Kleider in zartem Weiß, Blumenprints all over und last but not least: Flared Jeans. Die gehört übrigens zusammen mit dem cognacfarbenen Wildleder-Mantel und dem Rock mit Knopfleiste vorne, den es wahlweise in Jeans oder eben auch in Wildleder gibt, zu den absoluten Must Haves in diesem Frühling.

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Bild: Topshop

Doch woher kommt eigentlich mit einem Mal unser modischer Wunsch nach Freiheit? Alles Zufall? Wohl kaum! Grundsätzlich sollte man ja eigentlich Abstand davon nehmen, Saisons in bestimmte modische Korsetts oder Epochen pressen zu wollen. Zu stark hat sich inzwischen eine Pluralität verschiedener Stile etabliert, die alle ihrerseits Berechtigung im Kleiderschrank haben. Was allerdings auffällt, ist die vermeintliche Rückwärtsgewandheit all dieser Modetrends. Retro ist nicht totzukriegen und nachdem bis vor Kurzem noch die 90s das Nonplusultra waren, geht die Reise nun also weitere 20 Jahre zurück in die 70er. Den Versuch tatsächlich etwas völlig Neues zu entwickeln, nimmt man dagegen in der Öffentlichkeit gegenwärtig eher selten wahr. Die Hinwendung zu futuristischem Design in der Mode, bleibt, was den Mainstream angeht, eher die Ausnahme, möchte ich behaupten, zuletzt war davon, wenn überhaupt anlässlich des Jahrtausendwechsels die Rede. Nur ist die Modeindustrie tatsächlich so einfallslos und hat mehr Spaß daran, Altes zu adaptieren? Der Grund für das Wiederaufleben vergangener Epochen könnte meiner Meinung nach nämlich ein ganz anderer sein.

Wir leben in einer Zeit der Unsicherheit – das attestieren und reihenweise Sozialforscher und andere Experten, ohne mit der Wimper zu zucken. Unsere Jobs sind nur noch befristet, Krieg und Terror scheint auf der Welt allgegenwärtig und spätestens seit der Wirtschaftskrise und dem tiefen Fall der Finanzbranche, ist auch diese Seifenblase mit einem lauten Knall geplatzt. Fast könnte man meinen, dass wir es Leid sind, immer an morgen, an unsere Zukunft und irgendein ominöses Später zu denken. Wir arbeiten und schuften bis zur Erschöpfung, funktionieren perfekt, sowohl, was unseren Job, als auch unser Privatleben angeht. Und wozu? Tja, das ist die Frage! Für besagtes Später? Doch wann genau soll das überhaupt sein und vielmehr noch, was erwartet uns dann dort eigentlich? Aktuell müssen wir uns ja sogar Gedanken darum machen, dass unser Planet vielleicht vor unserem natürlichen Ableben im Alter, keine Lust mehr auf uns alle hat. Lange Rede kurzer Sinn: Gesellschaftlich gesehen scheint da einiges ziemlich im Argen zu liegen und die Idee vom vorgefertigen Lebensweg nach Schema F schreckt die meisten von uns ohnehin eher ab.

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Bild: Marks & Spencer

Und genau inmitten dieses vermeintlichen Chaos´, wollen wir auf einmal alle wieder aussehen wie Blumenkinder?! Mode ist ein Spiegel der Gesellschaft. Wer noch immer an das Märchen des reinen oberflächlichen Scheins glaubt, der hat etwas ganz Grundlegendes offensichtlich nicht verstanden. Mit dem breiten Aufschwung der 70er kehren nämlich nicht nur oben benannte Verspieltheit und Leichtigkeit auf die Kleiderstange zurück, sondern auch ein Gefühl von Freiheit in unseren Alltag. Nehmt euch selbst einmal alle nicht so ernst. Fahrt einen Gang zurück, nehmt euch Zeit und lasst einfach einmal die Seele baumeln. Geht raus in die Natur, statt ausschließlich auf asphaltierten Straßen zu flanieren. So in etwa könnte die subtile Botschaft dieses aktuellen Trends wahrscheinlich lauten. Zurück zur Gelassenheit und den Büroplatz einfach auch mal verlassen, wenn es draußen noch nicht stockfinster ist – sofern du nicht Arzt bist und am offenen Herz operierst oder als Feuerwehrmann brennende Häuser löschst, wird keiner davon sterben. Eigentlich also doch eine ziemlich gute Idee, oder? Und das schönste: So lässt sich dann auch außerhalb von Coachella und Co. ein wenig Hippie-Flair und samt dazugehörigem Summer of Love-Revival genießen.

In diesem Sinne: Neo-Blumenkinder.

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