Das Kino des Xavier Dolan – Menschsein in all seinen Facetten

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Xavier Dolan gehört zu einer jungen Riege Filmemacher, die das aktuelle Kino gehörig auf den Kopf stellen. Dem Frankokanadier, der sich lieber als Enfant Terrible, denn als Wunderkind sieht, geht es weniger um Effekte und große Epen, als vielmehr um den Inhalt und die kleinen Wichtigkeiten des Lebens, die uns mal glücklich machen, mal aus der Bahn werfen. Kaum ein Jahr, in dem der 25-Jährige seit seinem Debüt „I Killed My Mother“  keinen Film gemacht hat – damals war er gerade einmal 16 Jahre alt. Inzwischen sind es ganze fünf an der Zahl. Und die Handschrift des Filmemachers unverkennbar.

„I killed my Mother“ – Familie kann man sich nicht aussuchen

Bereits „I Killed My Mother“ zeichnete diesen Weg. Die Handlung thematisiert die grenzenlose Hassliebe zwischen einer Mutter und ihrem Sohn. Beide können nicht mit, aber auch nicht ohne einander und werden so zum Sinnbild dafür, dass man sich seine Familie eben nicht aussuchen kann. Egal ob wir wollen oder nicht, wir sind mit diesen Menschen unser Leben lang verbandelt und müssen uns manchmal eben einfach mit ihnen arrangieren. Die Hauptrolle spielte Dolan, der übrigens seitdem er vier Jahre alt ist, vor der Kamera steht, damals selbst. Und siehe da, auch darin ist er ein absolutes Talent. Wie kaum ein Anderer verbindet er Ruhe und Spleen auf so einprägsame, manchmal ziemlich irritierende Weise. Während man in dem einen Moment den einsamen Jungen in den Arm nehmen möchten, stößt er einen im nächsten mit all seiner Arroganz, die sich mehr als einmal in fast schon grotesken Grimassen ausdrückt, geradezu ab. Natürlich sprechen wir hier nur von seinen Figuren. Trotzdem drängt sich bei soviel Präsenz schnell die Frage auf, wie viel Autobiographisches in seinen wohl Filmen stecken mag? Die Antwort: Keine Ahnung! Zwar gesteht er Interviews – wie etwa in einem aktuellen mit dem ZEITmagazin –, dass er durchaus selbst ein sehr leidenschaftlicher und aktiver, manchmal sogar hyperaktiver Mensch, sei, wie so manche seiner Figuren. Doch ist er am Ende eben ein Künstler, einer der getrieben von Perfektion und Passion seine Welten erschafft.

Wie eine griechische Tragödie – Herzensbrecher

Allgemein sind es die menschlichen Gefühlswindungen und vor allem ihre Abgründe, die Dolan faszinieren. Dabei scheint es egal zu sein, ob es um Männer oder Frauen, Liebespaare, Freunde oder Mütter und Söhne geht. Dolan schafft es sie alle glaubhaft zu inszenieren. Außerdem gibt es gerade im gegenwärtigen Kino wenig Filme, die Liebe und Sexualität unabhängig jeglichen Geschlechts verhandeln. Vor allem Homosexualität wurde selten so selbstverständlich dargestellt. Allein dafür ist er zu bewundern und vielen seiner Kollegen meilenweit voraus. „Herzensbrecher“, sein zweites Werk, nimmt eine beinahe verhängnisvolle Ménage à trois in den Fokus, die die scheinbar Seelenverwandten Marie und Francis beinahe ihre Freundschaft zueinander kostet. Nico, der die beiden gleichermaßen in ihren Bann zieht, entgeht das Treiben um seine Person nicht. Doch nimmt er das mögliche Dilemma billigend in Kauf, scheint es sogar amüsiert zu provozieren. Er verkörpert die dionysische Leidenschaft, die jeglicher Vernunft entgegen steht. Die Anleihen bei der griechischen Tragödie kommen nicht von ungefähr.

 

Sag nicht wer du bist! – Wenn ich ein anderer wäre

In seinem vierten Film „Sag nicht wer du bist“ verkörpert Dolan eine Art Verirrten. Tom, wieder einmal gespielt von Dolan selbst, will an der Beerdigung einer früheren Affäre teilnehmen, doch dessen Familie weiß nicht, dass der inzwischen Verstorbene schwul war. Auf der kleinen, abgelegenen Farm, auf der alle auf engstem Raum zusammenkommen, verstrickt sich Tom, der seine wahre Identität verheimlichen will, zunehmend in das Treiben um ihn herum und das Drama nimmt seinen Lauf. Gerade einmal ein paar Wochen hat es gebraucht, um das Drehbuch zu schreiben. Und wieder ist es die ganze Palette menschlichen Fühlens, die uns entgegenschlägt.

„Mommy“ – Die grenzenlose Liebe zwischen Mutter und Sohn

Seit einigen Tagen läuft nun auch das neueste, das fünfte Werk, von Xavier Dolan im Kino. Zum ersten Mal spielt er darin nicht die Hauptrolle, doch das tut dem Ganzen absolut keinen Abbruch. „Mommy“ thematisiert erneut die Liebe zwischen Mutter und Sohn, wobei sie dem spannungsgeladenen miteinander in „I Killed my Mother“ die grenzenlose Abhängigkeit beider Charaktere zueinander hinzu gibt. Selten haben Mutter und Sohn sich trotz aller Schwierigkeiten näher gegenüber gestanden. Sie würden füreinander durch die Hölle gehen und in dieser grenzenlosen Liebe für den anderen, verschwimmen die Grenzen zwischen Beschützer und zu Beschützendem mehr als einmal. Wieder ist Dolan grandios darin, uns in die menschlichen Verwirrungen gleichermaßen hineinzuziehen, wie uns davor auf Distanz zu halten.. Mit dem fast schon revolutionären 1:1 Format, gelingt ihm dazu auch noch visuell eine kleine Revolution. Das ungewohnte Bild wirkt mehr wie ein Ausschnitt, ein kleines Fenster, dass uns nur preisgibt, was wir erfahren sollen. Gleichzeitig spiegelt der schmale Raum, die Begrenztheit des Universums wider, in dem die Figuren handeln und fühlen.

Auf seinen nächsten Film, der nach eigener Aussage eine Satire über Hollywood und die Traummaschinerie dahinter werden soll, bin zumindest ich schon mehr als gespannt. Fest steht aber wohl jetzt schon, dieser Name wird mit Sicherheit bald in die Riege der ganz großen Arthousefilmemacher gehören; wenn er das nicht sowieso schon längst tut.

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