Modewoche, oder: Fass dir an die eigene Nase

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Die Feiertage sind vorbei und nach einer Weile voll wohltuender Entspannung zwischen Familie und Freunden mit bergeweise gutem Essen und meist noch mehr Alkohol, kehrt nach dem Jahreswechsel allmählich auch die lang vermisste Inspiration zurück. Neues Spiel neues Glück, oder so ähnlich. Jedenfalls ist die Motivation groß und es juckt mich in den Fingern, Nanatique endlich wieder mit Input zu füllen.

Und kaum ist der Winterschlaf zu Ende, steht mit der Fashion Week kommende Woche auch schon wieder das erste große Event in 2014 ins Haus. Das heißt für Madame Koffer packen und auf nach Berlin, um sich die Füße wund zu laufen, zwischendurch händeringend nach essbaren Kleinigkeiten zu suchen und vor allem ganz ganz viel Mode zu schauen. Denn ja, man mag es kaum für möglich halten, aber auch ein misanthropisch veranlagter Bücherwurm wie ich, hat Leidenschaften die offensichtlich nicht in sein charakterliches Raster passen. Zumindest musste ich derlei Absurditäten erst gestern wieder im Gespräch mit einer flüchtigen Bekannten feststellen. Kurz den Begriff Fashionweek aufgeschnappt und schon folgt ein herabschätziger Blick gefolgt mit der Aussage: „Oh, du Arme, musst du da arbeiten?“ Ja, stell dir vor und ich habe zu einem großen Teil auch noch Spaß daran.

Die Tatsache regelmäßig von diversen Mitmenschen in meinem weitesten Umfeld als naives Dummchen betrachtet zu werden, nur weil ich eine vielleicht nicht ganz rationale Leidenschaft fürs Textile hege, hat mich vor einer Weile meist ziemlich wütend gemacht. Inzwischen kann ich darüber aber eher nur noch müde schmunzeln. Ganz ehrlich, schaut euch doch nur mal selbst an: Wir alle denken in Schubladen und brauchen das zu einem gewissen Teil auch, um uns im Chaos, dass sich Leben schimpft, zurecht zu finden. Bereits Georg Simmel, hat herausgestellt, dass Mode eigentlich etwas hoch Paradoxes ist, entspricht es doch dem Menschlichen Bedürfnis nach Zugehörigkeit und dem nach Abgrenzung gleichermaßen. Oder, um es mit Gottfried Keller zusagen: „Kleider machen nun einmal Leute“. Zeige mir was du trägst und ich sage dir, wer du bist, zumindest funktioniert so der Code Mode in seiner einfachsten Form. Kleidung ist als ein gesellschaftliches Feld zu betrachten, auch wenn einige von uns ihm diese Eigenschaft sicher gerne absprechen würden. Wieso sich also nicht, mit den Dingen, die uns tagtäglich begegnen und etwas über unsere Kultur aussagen, auseinandersetzen? Schließlich leben wir doch in einer Zeit, in der Image zwar vielleicht nicht alles ist, aber doch ziemlich viel zählt. Wir stilisieren wir uns fleißig ein Bild von uns selbst zurecht, indem wir uns hier und da ein paar Codes ausleihen, um damit eine ganz bestimmte mediale Botschaft zu transportieren. Und dabei betrachten wir uns selbst nur zu gerne, als den Mittelpunkt des Universums. In jedem von steckt wahrscheinlich ein kleiner Narzisst, der nur zu gerne einmal dem Trugschluss unterliegt er sei unfehlbar. Doch Fakt ist, wir sind es nicht. Wir alle haben unsere Macken, unsere Fehler und diese kleinen Unstimmigkeiten in unserem Charakter. Brüche bestimmen Leben. Was läuft schließlich schon linear? Und wer am Ende des Tages sich mehr Image erbastelt, als auf die Facetten seines tatsächlichen Wesens zu bauen, der sollte sich nicht wundern, wenn ihm keiner seine Maskerade abkauft. Wer sich aber doch von all diesen Vorwürfen befreit fühlt, der werfe bitte jetzt den ersten Stein.

Ich für meinen Teil brauche nicht den Glanz und all das Chi chi um die Modewoche herum. Ehrlich gesagt, ist mir das Ganze oft sogar zu wider. Sehen und gesehen werden, ein Ego dabei größer als das andere. So sieht die Realität im Innern des die Massen polarisierenden Zelts nun einmal aus. Doch spätestens, wenn im Saal das Licht ausgeht, der Runway kurz danach als einzig beleuchtete Fläche aufblitzt und das erste Model den Catwalk betritt, weiß ich wieder warum ich das alles mitmache. Mode ist ein Stück Geschäft, ein populäres Thema, bei dem jeder glaubt mitreden zu können und damit zugleich auch ein Stück Gesellschaft, transportiert sie doch mehr, als so mancher von uns eigentlich wahrhaben will. Am Ende des Tages tragen wir alle irgendwelche Kleidung über der Haut, allein schon aus dem Grund, weil Nudistentum auf deutschem Boden in der Öffentlichkeit gesetzlich untersagt ist.

Und letzten Endes erscheint das, was sich dort für knapp 15 Minuten auf dem Laufsteg abspielt, nicht viel anders, als ein gekonnt inszeniertes, durch choreografiertes Theaterstück, dessen Hauptrolle vielleicht ein Stückchen Stoff ist, vielleicht aber in gewisser Weise auch wir alle sind, spätestens dann, wenn wir etwas eine Farbe, ein Muster oder irgendetwas anderes davon morgen auf dem Leib tragen.

In diesem Sinne: Bereit für eine Woche Oberflächlichkeit.

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