Buchtipp: Kunst hassen von Nicole Zepter

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„Wer Kunst liebt, darf Kunst hassen. Alles andere ist verlogen. Doch genau diese Verlogenheit ist das Mittel, das den Kunstbetrieb zusammenhält.“

Mit diesen radikalen Worten leitet Nicole Zepter ihr aktuelles Büchlein ein. Das kleine Werk mit dem polemischen Titel „Kunst hassen“ will anecken, es will aufrütteln und das Kunstsystem, unserer westlichen Welt in Frage stellen. Wir haben die Kunst auf einen Sockel gehoben und sie zu damit zu etwas Unantastbarem gemacht. Ironie und Witz haben in diesem Kontext nichts verloren. Wer lacht, outet sich als Banause. Wer kritisiert ebenso. Das Kunstsystem nährt sich daraus, dass es sich selbst todernst nimmt, so lautet eine der zentralen Thesen des Buchs.

Ausstellungen betrachtet Zepter mit zunehmend wachsendem Unmut. Keine neue Ideen, stattdessen werde viel Altes aufgebarbeitet und wenn überhaupt, maximal an den äußeren Rändern abgewandelt. Davor seien am Ende nicht einmal KünstlerInnen wie Nan Goldin gefeit. Sich als Künstler deklarieren und tatsächlich schaffend kreativ sein, dazwischen liegen Welten. Und auch in der Präsentation und der Rezeption von Kunst sieht es nicht viel anders aus. Museen geben sich als „White Cube“, der uns, dem Besucher, bereits am Eingang deutlich macht, dass wir in der darin eingebetten Hierarchie ziemlich weit am Ende stehen. Egal ob wir nun stundenlang Schlange stehen oder permanent vom Blick des Wachpersonals verfolgt werden: Wer Kunst adäquat betrachten will, der hat sich in das Gefüge einzuordnen. Denn nur, wer die Regeln des Systems versteht und sich an sie hält, wird am Ende selbst als intelligent und geistreich beurteilt.

Doch die Herausgeberin des Magazins „The Germans“ ist keinesfalls eine Frau, die aus reiner Abneigung gegen die übermäßige Kanonisierung von Kunst und ihrer Inszenierung wettert. Ganz im Gegenteil. Bereits der Untertitel „eine enttäuschte Liebe“ verweist darauf, dass Zepter, einst ein inniges Verhältnis zur Kunst pflegte. Allein schon aus Berufsgründen beschäftigt sie sich viel mit diesem Thema sowie dem ganzen Drumherum. Inzwischen ist sie einfach müde, immer wieder das Gleiche zu sehen und in ihren Erwartungen meist enttäuscht zu werden. Ihrer Meinung nach wird es Zeit, dem großen Tabu des Kunstsystems endlich einmal ins gesicht zu blicken und offen zu thematiseren, was inzwischen wohl so viele denken.

„Der Kunsthass ist keine Kunstkritik. Er ist die Kritik an dem Kunstsystem an sich. Der Kunsthass ist das Gegenteil des Laberns in einem Meer aus distanzlosen Kritikern, die oft gleichzeitig Künstler, Kuratoren oder mittlerweile sogar Kunsthändler sind (…) Hinter dem Kunsthass steht die Frage, was blinde Kunst heute leisten kann.“, schreibt sie daher selbstbewusst und geht die Sache direkt an.

„Kunst hassen“ will keine wissenschaftliche Abhandlung sein, die in einem unverständlichen Jargon daherkommt, wie so viele der Presse- und Vermittlungstexte aus den Museen.Das Buch adressiert alle, die sich für das Thema interessieren und schafft damit genau das, woran das Kunstsystem nach wie scheitert: Die Demokratisierung von Kunst.

In diesem Sinne: Weil die Kunst es verdient hat.

Nicole Zepter: Kunst hassen / Tropen 2013 / 12 EUR / ISBN: 978-3-608-50307-4

Dieser Artikel ist auch bei Supreme Mag erschienen.

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