Moviewatch / Feuchtgebiete, oder: Der stilisierte Ekel

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Jaja, ich weiß: Eigentlich ist das ganze Gerede um Charlotte Roches Bestseller Feuchtgebiete inzwischen ein alter Hut und auch die Verfilmung des vermeintlichen Skandalbuchs hat, wenn überhaupt, wohl nur noch an der Peripherie des öffentlichen Interesses gekratzt. Trotzdem hat mir als studierte Literatur-, Medien- und Filmwissenschaftlerin vor allem eine Frage unter den Nägeln gebrannt:  Wie verfilmt man einen solchen Stoff, im Idealfall möglichst massentauglich, ohne im Anschluss direkt auf dem Index zu landen? Aber zurück zum Anfang:

Kaum ein Buch ist nach seinem Erscheinen wohl so kontrovers disktutiert worden wie „Feuchtgebiete“. Faszinierend und revolutionär schrien die einen, einfach nur ekelhaft und dumm die anderen. Nun ja, man kann über das Gesamtwerk sagen, was man will, aber eine gewisse Faszination am Ekel lässt sich ihm auf jeden Fall nicht absprechen. Es geht um Körperflüssigkeiten, um Sex und irgendwie auch ein wenig um Dreck. Genauer gesagt den Seelendreck, der einen belastet, einen runterzieht und am Vorankommen mit dem eigenen Leben hindert. Das ist die andere Seite der Geschichte. Hinter der schleimig, müffelnden Fassade verbirgt sich nämich eine ziemlich traurige Familienkonstellation. Es geht um ein Scheidungskind, das mit der Trennung der Eltern auch nach vielen Jahren nicht klarkommt. Es geht um Einsamkeit und um das Gefühl in diese Welt einfach nicht hineinzugehören. Von klein auf mit einer Mutter konfrontiert, die psychisch ziemlich labil scheint, bekommt Helen bereits als Kind mehr von den nicht ganz so schönen Seiten des menschlichen Seins mit, als ihr wohl lieb wäre. Zumal die Mutter ihre Anfälle, gerne auch einmal an der eigenen Tochter auslässt. Mit gerade einmal 18 Jahren steht Helens Entschluss fest, zwangsläufig genauso verkorkst zu sein wie ihre Erzeugerin. Kurzerhand tritt sie die Flucht nach vorne an: Statt überhaupt erst zu versuchen, sich wie ein „normales“ Mädchen zu benehmen, lässt sie keine Gelegenheit aus, den Freak zu mimen, der es permanent darauf anlegt, seinen Gegenüber bis ins Mark zu irritieren und verstören. Ihre Waffe dabei: Körperflüssigkeiten und Sex.

Doch wie lässt sich so etwas nun überhaupt verfilmen? Wie soll das passende Bewegtbild zu einem Stoff aussehen, der die Tabus unserer Zeit in seinen Mittelpunkt stellt und es praktisch permanent darauf anlegt (Scham-)Grenzen zu überschreiten. Zugegeben, als ich von dem Vorhaben erfahren habe, „Feuchtgebiete auf die Leinwand zu bringen, habe ich nicht wirklich daran geglaubt. Dann endeckte ich den Trailer im Netz und war nach ein paar kurzen Momenten des Bangens wirklich positiv überrascht. Die Idee eines Kinobesuchs war geboren.

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Knapp 100 Minuten später habe ich meine Entscheidung jedenfalls nicht bereut. Der Film mutet beinahe wie ein surrealer Bildrausch an, der getränkt in eine leuchtende Farbpalette den Ekel zwar keinesfalls ausblendet, ihn aber fast schon kunstvoll stilisiert. Traum und Realität der Hauptfigur Helen verschmelzen oft beinahe untrennbar, dazwischen die Erinnerung an ihre Kindheit. Regisseur Daniel F. Wnendt hat mit ein paar geschickten Kniffen des Fokus des kontroversen Inhalts verlagert oder sich mindestens einmal die Zeit genommen, hinter die effektheischende Fassade des Skandals zu blicken. Und so geht es im Film jetzt eben mehr um die Familiengeschichte, die eigentliche Story hinter dem Saft. Faszinierend ist die bedrückte Enge, die auf Helen lastet und sie auf Schritt und Tritt verfolgt, inszeniert. Gebunden an ihre Perspektive folgen wir dem Geschehen. Dabei verlangt Helen nicht nur ihrem Umfeld einiges ab. Spätestens, wenn sie die gefühlt hundertste, feucht-schmierige Geschichte aus dem Hut zaubert, möchte man ihr befehlen doch einfach mal die Klappe zu halten. Ohnehin haben wir längst verstanden, dass es immer nur um das eine geht. Der Ekel mag irgendwann verblassen, umso penetrant nerviger dringt mit jedem neuem Satz aber ihre Stimme uns entgegen, die in einem merkwürdigen Wechselspiel aus monotonem Singsang und kindlicher Begeisterung all die Geschichten ihres auf Exkremente fixierten Lebens zum Besten gibt. Ja, Helen ist wirklich eine ganz eigene Persönlichkeit. Man muss Carla Juri wirklich loben. Die Jungschauspielerin bringt die Rolle ihrer Figur nicht nur wirklich glaubhaft rüber, sie spielt sie geradezu brilliant, wenn man bedenkt, dass wohl mehr als eine Szene so manches an körperlicher Überwindung gekostet haben mag.

Alles in allem ist Feuchtgebiete kein Film, den ich zarten Gemütern und Reinlichkeitsfanatikern empfehlen würden. Wer aber Spaß an ästhetisch-gelungener Inszenierung hat, ein Fan des Buchs ist oder zumindest neugierig über den Inhalt des Skandalschriebs meiner Generation ist, der hat mit einem Kinosbesuch absolut nichts zu verlieren. Denn letzten Endes kennen wir doch alle irgendwie eine der vielen Facetten der menschlichen Einsamkeit.

In diesem Sinne: Die Ästhetisierung des Ekels.

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