„Ich arbeite, also bin ich“ – Von der Fremd- zur Selbstbestimmung?

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Wir sind groß, einzigartig, ja unglaublich toll und durch nichts und niemanden aufzuhalten. Meine Generation ist eine, die gelernt hat, dass ihr im Leben so gut wie keinen Grenzen gesetzt sind. Wenn wir etwas wirklich wollen, können wir es auch erreichen. Die vermeintliche Formel des American Dreams scheint sich mit Globalisierung und Gleichschaltung des medialen Marktes weit über den Atlantik hinaus erstreckt zu haben.

Die Forschung nennt uns gerne die Generation Y. Öffentlichkeit und Medien schließen sich an. Nicht zuletzt die ZEIT beschrieb uns vor einer Weile neckisch sogar als Generation „Pippi“. Denn schließlich basteln wir uns doch die Welt, „widde widde wie sie uns gefällt“. Vom großen Wandel des Arbeitsmarkts, ja sogar der Emanzipation des einzelnen gegenüber jahrelang gepredigter konservativer Werte, war die Rede. Sicher, sich tagtäglich einzuordnen in ein hierarchisch oft eng abgestecktes Gefüge aus Vorgesetzten und Vorschriften, mag ein Zustand sein, der die meisten frusten. Für einige wenige mag diese Lebensform, auf lange Sicht einfach nicht praktikabel sein. Vor allem dann, wenn diese vermeintliche Ödnis den Großteil des eigenen Tages einnimmt. Das sind beim besten Willen keine rosigen Aussichten. Und wieso eigentlich, sollten wir uns dem alle auch gleichermaßen blind hingeben? Schließlich sind wir so different wie unsere äußeren Erscheinungen. Nur weil wir uns alle zur Gattung Mensch zählen, sind wir nicht automatisch vom gleichen Schlag. Unsere Egos sind verschieden ausgeprägt und was dem einen Spaß macht, das kann für den anderen zum seelischen Untergang führen. Zudem zeigt uns dieses System wahrscheinlich mehr als vieles andere mehr, dass wir im Extremfall unweigerlich austauschbar sind. Wer nicht funktioniert, fliegt und der Ersatz steht längst parat. Das hat uns der Kapitalismus lange genug so vorgemacht. Wen soll da nicht die Panik packen?

Doch was ist eigentlich die andere Seite der Medaille? Ein unglaublich lesenswerter Artikel von Yeah Sara auf dem Portal Neue Elite hat uns vor ein paar Tagen erst jenen Denkfehler aufgezeigt, der mit der zunehmenden Verschmelzung von Arbeit und Privatheit einhergeht. Wo wir früher noch klar trennen konnten, bewegen wir uns nun in einem grauen Nebel aus, ja was eigentlich? Unsere Arbeit ist unser Hobby. Geld bekommen wir dafür nicht. Und weil eigentlich jeder in unserem unmittelbaren Umfeld damit beschäftigt ist sein eigenes Süppchen zu brauen und Großes zu erreichen, dürfen wir auch längst nicht mehr auf die Unterstützung unserer lieben Mitmenschen warten. Kämpfen wir also allein? Leben wir in einer Gesellschaft, die längst nach dem Credo einer gegen alle und jeder gegen sich selbst funktioniert?

Noch mal, unser Drang als Individuum herauszustechen, Einzigartiges zu vollbringen und uns in diesem permanenten Strom des Vergessens zu verankern, war nie stärker ausgeprägt als jetzt. Dass Theoretiker den Begriff des Individuums, dem Denker wie Jean-Jaques Rousseau im Zuge der Aufklärung seine heutige Bedeutungsebene verliehen haben, inzwischen mehr als ein Konstrukt betrachten, welches wir uns selbst geschaffen haben, um unserer seelischen Verfassung gegenüber dem Diktakt des Kollektivs Ausdruck zu verleihen, ist noch einmal eine ganz andere Geschichte. Man sollte sie aber durchaus im Hinterkopf behalten. Heute scheinen wir dieses eigentlich so kleine Wort zudem mehr denn je im Sinne unseres omnipräsenten Leistungscredos aufzubauschen. Aber zurück zum Thema:

Sieht unsere Zukunft also wirklich so frustrierend aus? Sind wir alle nur noch ein schizophren, verstörter Haufen, der Besonders sein will und dabei trotzdem in der Trivialität verschwindet? Sehnen wir uns nach der Gemeinschaft, der Zweisamkeit, der Liebe unserer Mitmenschen, ohne im Gegenzug bereit zu sein, jemanden auch nur ansatzweise an uns heranzulassen? Die Perspektive auf die berufliche Situation und ihre Auswirkungen ist die eine, dieser haben sich die beiden Beispiele oben bereits gewidmet. Doch wenn wir das Private, unsere Passionen, zum Beruf machen, sollten wir dringend auch unser Ich jenseits der öffentlichen Fassade, fernab des Schreibtisches, nicht aus den Augen verlieren. Wenn wir unser Leben in den Dienst des Jobs stellen – Verzeihung ich meinte unserer inneren, wahren Überzeugung – haben wir dann aus unserem vorherigen Dilemma tatsächlich so viel gelernt? Ehrlich gesagt, ich wage es zu bezweifeln. Statt Fremdbestimmung, lastet nun der Druck der Selbstbestimmung auf unseren Schultern. Wir selbst sind unser strengster Chef und der entlässt uns praktisch nie in den Feierabend. Ein Abend mit dem Freund/der Freundin? Ein Drink mit den engsten Vertrauten, der durchaus auch mal ausufern kann? Oder auch nur ein lockeres Treffen mit einer alten Bekannten? Eigentlich nicht drin! Und selbst wenn, spätestens am nächsten Morgen plagt uns das schlechte Gewissen. Wir disziplinieren uns selbst, fokussieren uns und versuchen dabei alles auszublenden, was uns bei unserem Sprint auf den Gipfel aufhalten könnte. Menschlich sein? Gefühle zeigen? Beides nicht wirklich hilfreich und in mancher Hinsicht vielleicht sogar gefährlich. Denn wenn wir erstmal irgendjemanden an uns nahe genug heranlassen, laufen wir zwangsläufig Gefahr uns verletzlich zu machen. Und wer sagt uns nicht, das unser Gegenüber nicht bereit ist, dieses Ass irgendwann einmal aus dem Ärmel zu ziehen. Schließlich sind wir alle ja irgendwie auch immer Konkurrenten. Ja, aus diesem Grund bleiben wir lieber Einzelkämpfer. Die Gruppe wird zum schönen Schein einer Welt, in der wir am Ende doch alleine dastehen. Und so müssen wir vielleicht irgendwann einsehen, dass wir uns verrannt haben. Dass wir keine Energie mehr haben, den niemals endenden Kampf tagtäglich aufs Neue zu bestreiten. Wir können alles, und kein Ziel ist uns zu hoch? Nur hat sich bisher keiner so wirklich an die Frage herangetraut, welchen Preis wir eigentlich dafür zahlen müssen. „Alles“ das verlangt Totalität und wer hoch pokert, steht am Ende vielleicht mit dem Nichts da. Wer soll uns dann auffangen oder wieder aufpäppeln. Schließlich haben wir uns in unserem Arbeitsethos und dem damit einhergehenden Leistungsdogma doch nur zu gut antrainiert, dass Scheitern nicht drin ist. Vielleicht müssen wir endlich die Reißleine ziehen, wenn wir nicht irgendwann in einer Welt landen wollen, in der uns nicht nur der Job, unsere eigene Austauschbarkeit und Irrelevanz vor Augen führt, sondern auch das wichtigste in dem Chaos, das sich Leben schimpft, nämlich unsere Freunde!

Quellen:

1. Jugend: Faul und schlau! Wollen die auch arbeiten? In: DIE ZEIT, 07. März 2013, S. 23-25.

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