Neo-Grunge, oder: wenn nur noch der äußere Stil zählt

Grunge, das war spätestens seit den 90ern im öffentlichen Verständnis die musikalische sowie soziale Gegenkultur zum die Oberfläche zelebrierenden Mainstream Pop. Seine Ursprünge lassen sich bereits in den 1960er und 1970er Jahren finden. Doch zurück zum letzten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts: Während Popmusik mit artifizieller Ästhetik das vermeintlich Perfekte auf die Spitze treibt und der Techno der 90er Jahre sich ganz der rauschhaften Party verschreibt, sucht Grunge das Schmuddelige (ganz dem Namen nach), das Abgründige und all jenes, das sich hinter der heilen Fassade tummelt. Introvertiertheit, innere Zerissenheit sowie die Abneigung gegenüber konventionellen durchstrukturierten Lebensentwürfen zeichnet diese Subkultur aus. Die starke ehrliche Emotionalität mit der ihre Musik das Lebensgefühl einer ganzen Generation beschreibt, führt schließlich in den 1990er Jahren zur zunehmenden Popularisierung des Grunge. Die Krux der Sache: Mit einem Mal finden sich vor allem die Musiker, in genau jenem alles ausschlachtenden, kommerzialisierten System wieder, gegen das sie ursprünglich eine so tiefe Abneigung gehegt haben. Authentizität wird zum Label stilisiert, dass die Musikindustrie bestmöglich zu verkaufen versucht. Wohin dieser unvereinbare Widerspruch zwischen innerer Abgrenzung und äußerer Vermarktung führen kann, mag spätestens der Selbstmord von Kurt Cobain gezeigt haben. Mit ihm stirbt eine Symbolfigur des Grunge bald darauf wendet sich der öffentliche Hype ebenfalls ab. Und während die breite Masse schließlich weiterzieht, um sich einen neuen Heiland zu suchen, bleiben die Überreste des Grunge, der harte Kern, jenseits der Trend-Mitläufer, viele Jahre als subkulturelle Bewegung wieder selig abgeschottet in den Hinterzimmern sitzen. Bis heute.
Wir schreiben das Jahr 2013. Popkultur lebt vom großen Retrotrend und zitiert sich munter durch die vergangenen Jahrzehnte. Neue Ideen suchen wir in der Mainstreammode oder der -musik oft vergeblich. Alles scheint irgendwie schon einmal dagewesen. Der Trick besteht inzwischen nicht mehr darin, möglichst Avantgarde zu sein, sondern das Spiel mit Zitaten und Verweisen zu perfektionieren. Heterogenität der Stile sorgt außerdem dafür, dass es schwer wird im Dschungel textiler Möglichkeiten noch den Überblick zu behalten. Und während die einen in diesem Sommer also in 60er Jahre Karos hüllen, werfen sich die anderen das Flanell-Holzfellerhemden über, zerreißen absichtlich ihre Jeans und zerwühlen sich das Haar, statt es adrett zu kämmen. Das Ganze nennt sich dann Neo-Grunge und beschränkt sich auf das optische. Die Musik und ihr Ursprung wird munter ausgeklammert.
Bleibt die Frage, was wir nun davon halten sollen. Klar, ich mag den Look, das Verwegene und das vermeintlich Abgründige bis Düstere, dass ihm nachhängt. Doch, auch wenn ich selbst in den 90ern kein Grunge-Mädchen gewesen bin, habe ich doch eine gewisse Ehrfurcht vor der Lebensphilosophie, die so einige meiner Generation von Grund auf geprägt hat. Sicher lässt sich argumentieren, dass die Grunge-Neuauflage als Hommage betrachtet werden kann. Das Problem liegt doch aber eindeutig in der veränderten Gestalt und vor allem der Zeit, in der das alles stattfindet. Statt erneut die Emotionen und innere Gebrochenheit heraufzubeschwören, geht es heute nur noch um den äußeren Stil. Inszenierung und Gestus statt echte Überzeugung. In einer Gegenwart, in der man mit ein paar Mausklicks Sound basteln kann, wird die langwierige, einen vereinnahmende Arbeit, die hinter richtiger Musik steckt, kaum noch gewürdigt. Wie auch? Wir haben keine Zeit uns noch richtig auf die Dinge einzulassen, und mit ihnen auseinanderzusetzen. Stattdessen werden sich oft lediglich nur noch einzelne Merkmale oberflächlich angeeignet. Und weil wir außerdem alles unserer glattgebügelten Medienästhetik anpassen müssen, kommt es am Ende unweigerlich zur Domestizierung des Grunge. Eingebettet in die Strukturen des Mainstreams erscheint die einstige Gegenkultur so nur noch wie eine Farse, die die Idole ihrer Zeit verhöhnt. Hübsch anzusehen, mehr aber auch nicht. Abgrenzung und Revolte wandert stilvoll verpackt über den Ladentisch. Der tatsächliche Inhalt tritt hinter dem reinen Konsum zurück.
Und so würde ich mir wünschen, dass wenigstens der ein oder andere vielleicht doch neugierig über die Ursprünge wird und nachforscht. Um zu erkennen, wie schade es ist, dass hinter der Zelebration der ästhetischen Fassade, die wahren Motive oft viel zu kurz kommen.
In diesem Sinne: Weniger stilistische Aneignung, mehr innere Überzeugung.

 

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