„Ich kaufe also bin ich“: oder, warum etwas Konsumkritik nie schadet

Was vor einigen Wochen in Bangladesh passiert ist, dürfte jeder mitbekommen haben. Eine Textilfabrik stürzt ein und begräbt tausende arbeitender Menschen unter sich. Es gibt zahlreiche Tote und kurz danach stellt sich heraus, dass Baupfusch zu dem Unglück geführt hat. Kosten sparen, dass war die Intention des Bauleiters, heißt es in den Medien und dieses Stichwort ist dabei so kennzeichnend für ein Prinzip, nach dem unsere Warenwelt funktioniert. Die Arbeiter, die in den Trümmern ihr Leben lassen mussten, nähten Kleidung für verschiedene Textilketten aus der westlichen Welt. Auch deutsche Firmen waren darunter.
Nun ist es schwer sich der Diskussion um die Produktionsbedingungen in der Textilbranche, aber auch in anderen Bereichen, anzunähern. Zumal das Thema ein Dauerbrenner scheint, zu dem jeder seinen Senf nur zu gerne dazu gibt. Wir wissen, dass ein T-Shirt, das bei uns im Laden 4,95 Euro kostet und in China oder Indien hergestellt worden ist, nicht ganz koscher sein kann. Kinderarbeit, Billiglohn und unwürdige Arbeitsbedingungen, davon haben wir alle schon zu genüge gehört. Und trotzdem blenden wir das aus, sobald wir den Laden betreten haben. Asien, Afrika, das scheint soweit weg und schließlich müssen ja auch wir irgendwie auf unser Geld schauen. Es könnte also schwer werden, jetzt den moralischen Finger zu erheben.
Doch wie sollen wir mit unserem toten Wissen eigentlich umgehen? Sollen wir weiterhin die Missstände, die in anderen Ländern herrschen, ausblenden, nur damit wir bequem in unserer heilen Blase leben können?
Fakt ist: Das Problem ist nicht nur eines der Textilbranche. Es ist ein allumgreifendes, dessen Ursprünge tiefer liegen. Und wo wir auf der einen Seite Menschen ausbeuten, verbrassen wir auf der anderen die Ressourcen unseres Planeten, ohne über die weitreichenden Folgen nachzudenken. Wir leben in einer Gesellschaft die durch Konsum maßgeblich geprägt ist. Kaufkraft symbolisiert Wohlstand und wer sich jenseits des eigenen Grundbedürfnisses möglichst viel Schnick Schnack leisten kann, dem ist das öffentliche Ansehen sicher. Maßlosigkeit scheint in. Es gibt nichts, das es nichts gibt. „Größer, schneller, besser“: Das Motto unserer Leistungsgesellschaft ist längst auch auf der Konsumebene angekommen. „Ich kaufe, also bin ich“, könnte man an dieser Stelle auch den populären Satz Descartes´ abwandeln.
Doch wenn wir wirklich einmal ehrlich sind, brauchen wir all den Kram eigentlich? Brauchen wir tatsächlich einen Kleiderschrank, in dem sich 10 Varianten schwarzer Jeans oder weißer Blusen finden. Macht es uns glücklich 10 Baumwoll-Miniröcke zu haben, deren Unterschied lediglich in einer Abwandlung von Farbe oder Muster besteht? Und wie ist das eigentlich mit der Technik? Ist das neue Handy, das wir uns kurz nach dessen Launch für teuer Geld zulegen, eigentlich wirklich so viel besser, wie das Vorgängermodell?
Unternehmen gaukeln uns vor, dass wir stets das Neueste vom Neuen brauchen. Dabei ist die Haltbarkeitsdauer des allgemeinen Konsumprodukts auf ein Minimum zusammengeschrumpft. Kein Wunder, denn eine auf Konsum aufbauende Marktwirtschaft funktioniert nur, wenn regelmäßig möglichst viel konsumiert wird. Wenn wir die angebotenen Waren eigentlich aber gar nicht brauchen, müssen wir eben artifiziell das Bedürfnis nach ihnen schaffen.
Der Kniff liegt also im Spiel mit Sehnsüchten. Werbung schürt das Bedürfnis nach einem bestimmten Gefühl, einem Lebensstil, einem Zustand. Das abgebildete Produkt scheint dabei die vermeintliche Erfüllung. Wir kaufen und fühlen uns kurz besser. Bis wir schließlich realisieren, dass dieses Gefühl des Mehr nicht mit dem Kleidchen, dem Handy, dem Möbelstück erfüllt werden kann. Ein neues Produkt muss also her, denn schließlich glauben wir ja irgendwie trotzdem daran, dass in unserem Konsum unser vermeintliches Glück liegt.
Doch irgendwann sitzen wir da mit unserem überquellenden Schrank, dem Techniksammelsurium, mit dem wir der Nasa Konkurrenz machen könnten und auch sonst so ziemlich allem, was uns durch Außenwelt und Werbung so begehrenswert erschien. Glücklich sind wir dadurch aber meistens trotzdem nicht. Dann kommt mit einem Mal der Punkt, an dem wir uns fragen: Und wozu jetzt das alles? Spätestens, wenn dieser Gedanke in uns aufploppt, sollten wir uns dringend einmal Gedanken darum machen, was wir eigentlich wirklich vom Leben wollen. Und vor allem, was wir eigentlich wirklich zu einem erfüllten Leben brauchen. Sicher ist das leichter gesagt, als getan, schließlich hängen wir alle fest in den Strukturen unserer eigenen Gesellschaft und ihrer Konventionen. Ein radikaler Umbruch käme einem sozialen Ausstieg gleich. Doch auch ich, habe nicht vor, mein weiteres Leben in einer selbstgebauten Holzhütte mit Huhn und Ziege davor zu verbringen. Übertriebene Romantik wäre an dieser Stelle sicher auch das Falsche. Denn wir können ja auch nicht alle nur von Luft und Liebe leben.
Große Veränderungen fangen aber oft im Kleinen an. Bewusster Konsum ist ein solches Stichwort. Bevor ich mir also wieder 20 Kleidungstücke in einem Monat kaufe, dazu ein neues Handy und dieses hübsche kleine Dekoteil, von dem ich nicht einmal weiß, wo ich es eigentlich in meiner Wohnung noch unterbringen soll, frage ich mich lieber: Brauche ich diesen ganzen Kram wirklich? Bin ich vielleicht mit nur einem Bruchteil dessen zufrieden? Wir sollten einfach viel häufiger versuchen, aus unserem selbst gemachten Trott herauszutreten und mit einem rationalen, möglichst distanzierten Auge auf all den Überschuss um uns herum zu blicken. Dann nähern wir uns vielleicht auch endlich einem Zustand an, in dem Leute nicht mehr zu einem Hungerlohn für unsere Marktvielfalt schuften oder führende Lobbies weiterhin skrupellos unsere natürlichen Ressourcen aufbrauchen, nur weil es finanziell profitabler für sie scheint, als auf erneuerbare Energien zu setzen.
In diesem Sinne: Konsumkritischeres Verhalten fängt im Kleinen an.

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