Hirn statt Haut. Ein Mini-Pladoyer gegen die die Infantilisierung von Weiblichkeit

Bilder via Vimeo
Die Frau – die schöne Frau – das ideale Werbeimage. Kaum ein Plakat von dem uns nicht eine schlanke, dank Photoshop und Bildretusche idealisierte Femme Fatale entgegen lächelt. Kaum eine Werbung im TV, in der nicht ein elfengleiches Wesen, ein bestimmtes Produkt bewirbt: Das stilisierte Weiblichkeit in der Medienwelt nicht nur bestens funktioniert, sondern in der Regel vor allem verkaufsfördernd ist, wissen wir nicht erst seit gestern. Gibt man noch einen Hauch Sex dazu, ist der Kassenschlager garantiert. Nach diesem Credo agieren Werbebranche, Konsumwelt und das mediale Massenverständnis. Es mag bitter sein, aber die Frau als Lustobjekt ist fest in unserer medialen Wahrnehmung verankert. Wir stören uns nicht mehr an ein wenig nackter Haut und wundern uns schon gar nicht darüber, dass die Bewerbung einer handelsüblichen Gelatine-Nascherei der Beihilfe einer spärlich bekleideten, sich zwischen den Laken räkelnden Frau bedarf.
Doch manchmal tauchen in diesem vollgestopften Sammelsurium schlechter Genderklischees Kampagnen und Clips auf, die dem eigenen, inzwischen abgestumpften Gefühl nach, über das Ziel hinausschießen. Ein aktuelles Beispiel: Rapper Pharrell ist zurück und wird wie gewohnt derzeit von unzähligen Magazinen gehyped wie kaum ein anderer. Im Gepäck ein neuer Clip zum Track „Blurred Lines“, der in Zusammenarbeit mit Robin Thicke entstanden ist. Eine visuelle Bilderflut, bei der sich mir vor Übelkeit der Magen zusammenzieht. Die „Story“: Man nehme eine rosa Wand, dazu zwei Typen, die in jeder Hinsicht dem metrosexuellen Mainstream entsprechen. Echte Kerle präsentieren sich uns da mit Sonnebrille, Anzug und lässig-coolem Habitus, eben allem, was die andere Seite der Geschlechterstereotypie begehrt. Diese lasse man dann in Performance-Manier ihr Liedchen trällern. So weit so gut. Hätte man sich nicht dazu entschlossen, den eher eintönigen Clip sowie die nicht existente Handlung mit ein paar hübsch anzusehenden Weibchen zu bereichern. Praktisch vollkommen nackt stöckeln nun also permanent Damen durchs Bild – für die prüden Amerikaner gibt es noch einmal eine Version mit einem Tick mehr Kleidung, sexy weißes Lack(!) –, grinsen lasziv in die Kamera, tragen eine kleine Ziege auf dem Arm, radeln wie wild auf einem Fahrrad oder werfen mit riesigen Schaumstoffwürfeln um sich und tun bei all dem so, als wäre es das natürlichste der Welt. Macht Spaß, kennt man ja…WTF!?

 

Was bitte soll das sein? Was zum Teufel will uns das vermitteln? Ja, wir haben es verstanden, die Jungs sind harte, coole Kerle, denen die Frauen reihenweise zu Füßen liegen. Rapperattitüden und der gemeine Gestus des R´n´B inbegriffen, schon klar.  Dahinter öffnet sich der Blick auf einen festgefahrenen Konservatismus, dessen Weiterentwicklung irgendwo in den frühen 50ern stehengeblieben zu sein scheint. Denn wer es nötig hat, Weiblichkeit auf derart plumpe Weise auszustellen, der hat in meinen Augen etwas ganz Entscheidendes nicht begriffen. Und Frauen, die sich in der Aussicht auf Money und Fame auf solche Stupiditäten einlassen, sollten sich vielleicht einmal fünf Minuten Zeit nehmen, darüber nachzudenken, was sie da eigentlich treiben. Emanzipation adé, wenn wir glauben unsere eigene Freiheit, um die Generationen von Frauen vor uns hart gekämpft haben, darin zu beweisen, indem wir möglichst unbekleidet mit unseren Ärschen (für die Männer) in die Kamera wackeln. Seh hübsch aus, lass dich anstarren, dann bist du toll, dann bist du begehrenswert! Wirklich tiefgründig diese Message, die in ihrer Geschmacklosigkeit wohl nur noch durch die sich aufplusternden, patriarchalen Möchtegern-Machos übertroffen wird, die überheblich vor der Linse posen. Wen wundert es da noch, dass eine tatsächliche Gleichstellung zwischen Mann und Frau im sozialen Kontext noch immer die Züge des Utopischen anhaften. Wir echauffieren uns über die Frauenquote, wir sind bei „#Aufschrei“ ganz vorne mit dabei. Doch kaum kommt ein Sänger wie Pharrell um die Ecke, bejubeln wir diese Infantilisierung von weiblicher Existenz. Wir scheinen nicht fähig, ein Stück über den Tellerrand hinauszuschauen, eins und eins zusammenzuzählen, um zu erkennen, dass hier nichts anderes passiert als eine Variation von sexueller Belästigung. Aber wir sind ja cool, wir sind mondän und nehmen das alles mit einem Augenzwinkern…
Es tut mir leid, Pharell und Co. aber wenn das tatsächlich euer Verständnis vom Geschlechterrollen ist und ihr das derart stolz zelebriert, dann seid ihr in meinen Augen nur armselige Würstchen, mit denen die eigene Mutter vielleicht einmal ein ernstes Wörtchen reden sollte.
Schön jedenfalls zu sehen, dass knapp eine Woche nach der Veröffentlichung des Clips dieser auf Youtube, Vimeo und Co. praktisch schon wieder von der Bildfläche verschwunden zu sein scheint.
In diesem Sinne: Hübsch aussehen reicht nicht. Hirn statt Haut.

One Comment

  1. Anonymous

    Danke für diesen Text! Hast darüber gehört? http://rantagainsttherandom.wordpress.com/2013/03/19/so-youre-tired-of-hearing-about-rape-culture/
    Ich könnte kotzen – und da wundert man sich woher dieses slut-shaming kommt – ich mache genau solche Videoclips mitverantwortlich dafür!

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