„Girls“ oder: die authentische Suche einer Generation nach sich selbst

Bilder: Screenshots by me
 
Ich bin ein Serienjunkie. Woher diese Leidenschaft für Fortsetzungsreihen herrührt, kann ich absolut nicht sagen. Fest steht nur, ich kann davon nicht genug bekommen und in praktisch jede neue Serie, deren Trailer mich auch nur im entferntesten anspricht, muss wenigstens einmal hinein gezappt werden. Und manchmal passiert es dann, dass bereits ein paar Minuten, ein paar Szenen und ein paar gesprochene Sätze genügen, damit es mich packt. Dann ist es fast wie eine Sucht: Aus einer Folge werden viele, gerne auch direkt am Stück. Und ehe ich mich versehe, habe ich mich völlig in diesem Universum verloren. Aktuell zieht mich – wie so viele zugegeben – die Serie Girls in ihren Bann.
Das folgende Review zur ersten Staffel habe ich vor einer Weile in leicht abgewandelter Form für das Supreme Mag geschrieben. Jetzt wo ich den Trailer zur zweiten gesehen habe, ist es dann wohl an der Zeit, den Blick auf dieses sequentielle Stück Bewegtbild hier ein wenig zu erweitern.
Es waren einmal vier Freundinnen, die lebten in der aufregendsten Stadt der Welt: Manhatten. Sie alle einte eine enge, tiefgreifende Freundschaft. Außerdem hatten sie jede für sich den persönlichen Traumjob, prall gefüllte Kleiderschränke mit den schönsten Textilien, die man sich nur wünschen konnte und ein wildes ausuferndes Sexleben.
So in etwa ließe sich wohl „Sex and the City“ jenes Traumkonstrukt beschreiben, dass Anfang der 2000er Jahre die Herzen zahlreicher weiblicher Zuschauerinnen höher schlagen hieß. Inzwischen schreiben wir das Jahr 2012, Carry hat ihren Mr. Big geheiratet und spätestens seit dem zweiten Kinofilm wissen wir: Die Damen sind alt geworden. Statt Sex und Selbstverwirklichung stehen nun Mamaalltag und Menopause im Vordergrund. Wir wussten, dass diese zuckersüße, rosa Blase, mit der man uns das tägliche Leben in Big Apple vor Augen führte, nicht ewig währen konnte. Und ehrlich gesagt, wollten wir das überhaupt?
Mitten in diese Zeit vermeintlicher Ernüchertung, in der andere Hochglanzserien, wie „Gossip Girl“ allmählich im Sog der Eintönigkeit von der Bildfläche verschwinden, tauchte aus der Schmiede HBOs etwas auf, das in Windeseile zum Liebling zahlreicher Serienjunkies wurde. „Girls“ eine Serie, die wie kaum ein anderes televisuelles Machwerk den Nerv der Zeit zu treffen schient und scheint.
Im Mittelpunkt auch hier vier junge Frauen und ihr Alltag in Manhatten. Auch sie vier unterschiedliche Charaktere, wobei jede für sich das nötige Identifikationspotenzial bietet. Der Unterschied: Jegliche Form von Hochglanz ist verschwunden. Das Geld ist knapp, die Jobs genauso. Die Wohnungen keine ins Detail durchstilisierten Tempel und der Sex ist authentisch, ungeschönt und manchmal sogar ziemlich verstörend.
In Folge eins starteten wir mit einem Blick auf Hannah, deren Eltern ihrer Tochter eröffneten, sie sie von nun an nicht mehr länger finanziell auszuhalten würden. „Pam“ ein Schlag mitten ins Gesicht, der die junge Nachwuchsschreiberin ziemlich unvorbereitet traf und dazu forcierte, sich dringend einmal Gedanken um das eigene finanzielle Auskommen zu machen. Doch wieso verzweifeln, wenn man es erst einmal damit versuchen kann, sich bei seinem eher eigenwillig, kauzigen Hipster-Fuck-Buddy durch Sex abzulenken. Das Ergebnis war eine halbnackte, in groteskter Haltung auf dem Sofa knieende Hannah, die verwirrt auf Adams Rückkehr aus dem Bad wartete.
Und so beobachteten wir über insgesamt zehn Folgen, wie sich Hannah, Marnie, Jessa und Shoshanna tagtäglich aufs Neue durch ihren Alltag schlugen. Den Kampf aufnahmen, mit Geld- und Geltungsmangel, der eigenen Jungfräulichkeit, zu lieben-anhänglichen Herzensmännern, verkorkst-undurchsichtigen Halbaffären und alles, was einem eben noch so alles über Weg und Leber laufen kann. Auf wilden Untergrundpartys in abgewrackten Lagerhallen wurde die Flucht vor der Eintönigkeit des Seins zelebriert, versüßt durch den ein oder anderen Drogenrausch. Bei Problemen war man füreinander da, doch hieß das noch lange nicht, dass hier nicht auch einmal ehrlich über die Macken der jeweils anderen hergezogen wurde. Und auch das Happyend blieb uns verwährt: Am Ende von Staffel eins, sind die vermeintlich besten Freundinnen Hannah und Marnie zerstritten, ihre WG bricht auseinander. Die Beziehung zwischen Adam und Hannah, auf die wir so hin gefiebert haben, liegt in Brüchen. Und nun?
Die „Girls“ sind im Gegensatz zu den Elfen aus „SatC“ mit Sicherheit keine auf Hochglanz polierten Geschöpfe. Sie sind junge Frauen, mit Ecken und Kanten, Unsicherheiten, zu großen Egos, Gewichtsproblemen, realistischen Geldsorgen und, und ,und.
Lena Dunham, selbst Jahrgang ´86, spielt in Girls nicht nur die Hauptrolle, sie hat auch die Regie geführt. Für ihren ungeschönten Blick auf ein heranwachsendes Prekariat in einer der pulsierendsten Metropolen des Planeten, wird sie derzeit von allen Seiten verehrt, bewundert und bereits als eine Art Andy Warhol unserer Zeit gefeiert. Doch mann muss gestehen, dass Dunham wohl in keinster Weise ihrem Alterego Hannah Horvath gleicht. Während ihre Rolle sich eher durch ein klein wenig Naivität und mangelnden Weitblick auszeichnet, eröffnet sich bei einem genaueren Blick auf die reale Person dahinter das Bild einer überaus klugen, findigen Frau und Regisseurin, die mit beeindruckendem Feingefühl das Bedürfnis nach Authentizität und Bodenständigkeit in einer uns zunehmend überfordernden Welt bedient.
Denn sind wir mal ehrlich: So sehr wir unsere Umwelt auch manchmal gerne durch die rosarote Brille sehen möchten: am Ende wissen wir doch ziemlich genau, dass man sich mit einer journalistischen Tätigkeit sicherlich nicht einen ganzen Schrank voll Manolo Blahnik Schuhe leisten oder Tag für Tag schick essen und feiern gehen und am Monatsende auch noch die Miete für eine Zweizimmerwohnung in Manhatten aufbringen kann.
Wir brauchen kein alles einnehmendes Happyend, stattdessen sind wir froh jeden Tag aufs Neue einigermaßen gemeistert zu haben und dabei ein wenig Spaß nicht zu kurz kommen zu lassen.
Und so freue ich mich auf die zweite Staffel, in der Existenzängste, der Wunsch geliebt zu werden, das Hin und Her mit alten Lieben und die Frage, wo der Platz für einen selbst im Leben eigentlich ist, auf wunderbare Weise verhandelt werden. Und Während ich das schreibe, läuft der Trailer zum gefühlten 10. Mal im Hintergrund. Wie gesagt, ich bin süchtig!
In diesem Sinne: Von der Suche einer Generation nach sich selbst!

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