„I´m not a fucking princess“ – Die Tochter zwischen Lolita und Kunstwerk

Bild 1: Screenshot, Bild 2-4: Filmstills via X-Verleih
In den 1970er Jahren ist Eva Ionesco eines der populärsten Aktmodelle ihrer Zeit. Die Krux daran, das Mädchen ist gerade mal im Teenageralter, lolitahaft-morbide inszeniert von ihrer eigenen Mutter, der Künstlerin Irina Ionesco. Im zarten Alter von 11 Jahren ziert sie unter anderem als jüngstes Model aller Zeiten das Cover des italienischen Playboy.
Mit 47 Jahren klagt Ionesco gegen ihre Mutter, um, wenn schon nicht ihre Kindheit, so doch wenigstens Schadensersatz und die Rechte an ihren Bildern zu erhalten. Zugleich verarbeitet sie in dem malerisch-melancholischen Film „I´m not a fucking princess“ ihr Trauma.
Violetta ist 11 Jahre und führt ein relativ normales Leben mit einer komplizierten und extrovertierten Künstlermutter. Einen Großteil seiner Zeit verbringt das Mädchen bei der Großmutter, denn Mama kommt und geht nach eigenem Belieben. Bis zu dem Tag, als Hannah die Schönheit ihrer eigenen Tochter entdeckt. Sie beginnt sie zu fotografieren, inszeniert sie als kleine Lolita, in Rüschenkleidchen, gerahmt von Blumenkränzen, Totenköpfen und anderen Vanitas-Elementen. Wer die Bilder sieht, ist schnell fasziniert von dem zarten Kind mit dem blonden, wallenden Haar und mehr wohl noch von dem harten Bruch, der sich in den Bildern widerspiegelt. Für Violetta ist anfangs alles noch ein reines Spiel, sodass sie erst zu spät bemerkt, dass ihre Mutter immer weiter die Grenzen überschreitet. Und ehe sie sich versieht, posiert der heranreifende Teenager alleine oder später mit auch mit erwachsenen Männern in Reizwäsche, halbnackt bis nackt und findet sich auf Galeriewänden, Plakaten oder in Magazin wieder.
Mit dem Fortschreiten der Pubertät realisiert das Mädchen zunehmend stärker den Ausverkauf des eigenen Körpers durch die Mutter. Gefangen zwischen dem Image der lasziven Kindfrau, dass sie sich über die Zeit wie eine selbstverständliche Geste angeeignet hat, ihrer eigenen Extrovertiertheit und kindlicher Unschuld, verliert Violetta zunehmend die Realität aus dem Blick.
Die Großmutter stirbt schließlich. Von nun an scheint das Mädchen ganz alleine. Ihre Mutter, selbst eine gebrochene Person, vermag ihr trotz aller zwiespältiger Liebe keinen Halt zu geben.
Und so endet diese Geschichte mit der Trennung von Mutter und Tochter durch das Jugendamt.
So viel zur Geschichte. In der Realität weigert sich Eva Ionesco bis heute mit ihrer Mutter in Kontakt zu treten. Zu groß der Schmerz und die Demütigung. „I´m not a fucking princess“ beschreibt sie als wichtigen Schritt, um sich mit der eigenen Vergangenheit auseinanderzusetzen.
Das Ergebnis ist ein visuelles Machwerk, das auf einzigartige Weise jene zwiespältige Schönheit, die permanent zwischen Ästhetik und Abscheu gegenüber dem präsentierten Sujet changiert, verhandelt. Der Zuschauer begibt sich in ein Wechselspiel aus lustvoller Betrachtung und Voyeurismus und vermag auf diese Weise den tiefen Bruch innerhalb dieser jungen Persönlichkeit zu erahnen. Die Frage, wie weit Kunst eigentlich gehen darf, bleibt am Ende ebenso unbeantwortet, wie das Urteil der Anklage an die exzentrische Mutter. Vielmehr verdeutlicht der Film ein beinahe schon absurdes Abhängigkeitsverhältnis zwischen Mutter und Tocher, indem er zwei Charaktere fokussiert, die sich im Verlust der eigenen Bodenhaftung gegenseitig steigern.
In diesem Sinne: Die zwiegespaltene Mutter-Tochter-Beziehung hinter der Lolita.

 

 

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