Vom Zwang aller Freiheiten – Rebecca Martin „Und alle so Yeah!“

Frankfurter Buchmesse das bedeutet in der Regel eine Woche voll literarischer Schwergewichte und umso mehr Medientrubel. Während die Literaturbranche das restliche Jahr über eher gern etwas vernachlässigt wird, scheint sie zur Messezeit in Leipzig und Frankfurt umso „sexier“ zu sein. Kaum ein Promi der nicht versucht sein Leben zwischen zwei Buchdeckel zu pressen – nicht selten mithilfe von Ghostwritern, die aus dem lahmen Einheitsbrei das bestmögliche herausholen. Da kann es schon mal passieren, dass sich neben literarischen Größen wie Rainald Götz, Daniel Kehlmann oder Martin Walser auf einmal eine Daniela Katzenberger, ein Oliver Kahn oder wie in diesem Jahr sogar der Governator Arnold Schwarzenegger persönlich tummeln mag. Was man von diesem Phänomen saisonalen Bücherhypes nun halten soll: Das ist eine andere Geschichte. Meine Meinung dazu ist jedenfalls ziemlich eindeutig. Schreiben ist ein Wechselspiel zwischen Gabe und Können. Mit jedem Roman, jedem Gedicht oder anderen Art schriftstellerischem Erzeugnis, schafft der Autor ein Stück Geschichte, ein Stück Erinnerung. Wer nur um des medialen und finanziellen Erfolg willens schreibt, der hat dort nichts zu suchen. Aber wie gesagt, das ist ein anderes Thema.
In diesem Jahr war das alljährliche Büchertreiben in Frankfurt – dank interessanter Zeit-Beilage zum deutschen Autorennachwuchs – für mich im wesentlichen mit einem Roman verknüpft. Rebecca Martin liefert mit „Und alle so Yeah!“ im Alter von gerade mal 22 Jahren ihr zweites Buch ab. Zugegeben, an die Komplexität und detailliert ausdifferenzierte Figurenzeichnungen eines Ulrich Pelzers, einer Olga Flohr oder eben eines Daniel Kehlmanns mag ihre Geschichte noch nicht heranreichen. Aber das ist auch noch nicht Martins Anspruch. Dazu müsse sie nach eigener Aussage selbst noch sehr viel lernen. Dafür präsentiert sie mit scharfsinnigem Feinblick das Porträt meiner Generation. Einer Generation, der per se alle Türen offen stehen, doch die genau dadurch überfordert und zur Untätigkeit verdammt scheint. In einer Welt, in der Erfolg in allen Lebenslagen zu einem grundlegenden Credo stilisiert ist, scheint jeder vermeintliche Fehler umso schwerer zu wiegen. Die logische Folge ist der Rückzug, in die eigene Welt, ins Nichtstun, ins Feiern und die Drogen. Die Hauptfigur Elina bewegt sich dabei an vielen Stellen deutlich in biographischer Nähe zur Schreiberin Martin selbst, wie diese auch auf der Lesung bei den Open Books betonte. Dennoch sei Elina nicht gleich Rebecca, eine Tatsache, die den Eindruck eines bestimmten Generationenstereotyps letzten Endes umso stärker hervorhebt.
Ich persönlich habe „Und alle so Yeah!“ geradezu verschlungen, mich dabei in so vielen Passagen geistig ertappt gefühlt. Denn auch wenn man sich nicht, wie Elina dazu entschließt sich eine Auszeit vom sozialen Leben zu nehmen, um herauszufinden, was man eigentlich will. So stellt sich doch jedem wohl hin und wieder die Frage, ob man aus den vielen Möglichkeiten den für sich richtigen Weg gewählt hat.
In diesem Sinne: Vom Zwang der vermeintlich unendlichen Freiheit.

Schreibe einen Kommentar