Zwischen weiblicher Emanzipation & jugendlicher Subkultur – Zur Debatte um „neue“ Formen des Feminismus

Bild Tavi via thestyelrookie
Feminismus zwischen Überzeugung und Trend, damit versucht sich ein Artikel im aktuellen Flair Magazin auseinanderzusetzen. Meredith Haaf, Co-Autorin des Buches „Wir Alphamädchen“ und Mitbegründerin des Blogs „Mädchenmannschaft“ räsoniert unter dem Titel „Die neuen Gesichter des Feminismus darüber, dass uns derzeit eine neue Welle des Feminismus entgegen rolle. Ihre Kritik begründet sie in der Tatsache, dass jede dieser neuen Formationen grundsätzlich versuche die ihr vorangegangene zu übertreffen, indem sie lockerer, lustiger und weniger gegen die Männlichkeit gerichtet sei. Das sei zum einen nicht nur langweilig, zum anderen fehle all diesen neuen Strömungen am Ende eine klare inhaltliche Linie, eine politische Aussage sozusagen. Als Beispiele führt Haaf Autorinnen wie Charlotte Roche oder Caitlin Moran an, ebenso wie die Aktivistinnen von „Femen„. Gemeinsam sei ihnen allen, dass sie in erster Linie auf Effekte zielen durch vorrangigen Einsatz des weiblichen Körpers, seiner Funktionen und Aussscheidungen.
Soweit so gut. Man mag diese Argumentationslinie nachvollziehen können, erweckt doch gerade der mediale Hype um literarische Ergüsse wie „Feuchtgebiete„, etc. den Eindruck, weibliche Emanzipation – über das glattgebügelte Imagebild von Fraulichkeit hinaus – bestünde lediglich Tabubrüchen jenseits existenter Ekelgrenzen. Doch erscheint mir die Perspektive Haafs an dieser Stelle zu reduziert. Und auch ihre weitere Argumentation, nach der sie das amerikanische Blogger-Ausnahmetalent Tavi Gevinson als eine der neuen Feministinnen mit Potenzial benennt, stößt bei mir auf Unbehagen. Ich möchte nicht absprechen, dass dieses Mädchen mit ihrer einzigartigen Karriere bereits in jungen Jahren für Furore gesorgt und definitiv gezeigt hat, dass der Horizont pubertierender Mädchen durchaus über das Thema Jungs, Make-up und „wie werde ich cool“ hinaus gehen kann. Ihre Aussage, dass Feminismus kein Regelwerk sei, sondern ein Diskurs“ erachte ich u.a. als äußerst pointiert. Doch frage ich mich ob man Gevinson deswegen gleich als Feministin bezeichnen muss. Haben wir es hier nicht viel mehr mit einer Art Teenager zu tun, die für sich die Entscheidung getroffen haben, vorgegebenen Rollenbildern eine klare Absage zu erteilen.
Subkulturelle Jugendmilieus gibt es seit den 70ern und immer wieder gab es Versuche das Mädchen jenseits des Ideals einer Highschool-Schönheit, das durch Köpfchen brilliert, in den öffentlichen Fokus zu stellen. Persönliche Jugendheldinnen wie Daria oder auch Clarissa wären nur zwei Beispiel. Blossom, über die meine Freundin Lucie kürzlich erst einen Beitrag verfasst hat (zu lesen in der aktuellen Missy) gehört ebenfalls in diese Richtung. Sie alle sind Mädchen, die einen eigen Kopf haben, sich nicht darum scheren, dem konventionellen Mainstream-Geschmack zu entsprechen – diesen stattdessen sogar eher vehement ablehnen – und ausgezeichnet mit einem herrlich Sinn Ironie für pointierten Sarkasmus einen Blick auf ihre Umwelt eröffnen. Prinzipiell vereinen sie alle ein Stück weit feministische Ansätze, aber sollte man deswegen  in bereits so weit gehen, sie als Vorzeige-Feministinnen zu stilisieren.
Stellt sich an dieser Stelle nicht viel mehr die Frage, ob das Problem am Feminismus, aber auch an anderen Strömungen mit gesellschaftskritischen bzw. politischen Ambitionen nicht genau im Prinzip der Schwarz-Weiß Trennung besteht. Wie bereits Judtih Butler in ihrem Band „Das Unbehagen der Geschlechter“ feststellt, bestätigen ambitionierte Feministinnen das System, gegen das sie angehen, genau dadurch, dass sie die Gegenposition einnehmen. Ziel kann es daher auf lange Sicht nicht sein, eine Argumentationsstruktur auf Pro-Contra-Ebene zu etablieren, sondern ein multipluralisitsches System zu schaffen, indem durch die Vernetzung unterschiedlichster Komponenten eine neue Betrachtungsweise von Gesellschaft entstehen kann.
„Die feministische Kritik muss einerseits totalisierende Ansprüche einer maskulinen Bedeutungs-Ökonomie untersuchen, muss aber andererseits gegenüber den totalisierenden Gesten des Feminismus selbstkritisch bleiben. Der Versuch, den Feind in einer einzigen Gestalt zu identifizieren, ist nur ein Umkehrdiskurs, der unkritisch die Strategie des Unterdrückers nachahmt, statt eine andere Begrifflichkeit bereitzustellen“
In diesem Sinne: Haaf mag mit ihrer Meinung über Tavi Gevinson sicher in eine richtige Richtung gehen, verfällt aber selbst der Krux einer Reduzierung dieses vermeintlichen Multitalents auf einen „Wesenszug“.

One Comment

  1. ganz viel respekt und liebe hierfür.

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