Shades of Grey, oder: Der mediale Hype um literarischen Sex

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Es gibt Dinge, die mit einem Mal in aller Munde scheinen. Phänomene, die einem medialen Hype unterliegen und bei denen man plötzlich das Bedürfnis verspürt, sich selbst einmal damit auseinanderzusetzen, auch sie sich sonst fernab des eigenen Lebenhorizonts bewegen. Woher die allgemeine Aufmerksamkeit kommt, lässt sich meistens gar nicht genau bestimmen. Klar ist in der Regel nur, dass sie aus einem Zusammenspiel verschiedenster Komponenten erfolgt: angefangen von einer geschickten Marketingstrategie, über das Ausreizen bestimmter Grenzen und Tabus bis hin zu diesem kleinen nicht genauer definierbaren Quäntchen „Aura“. Diesen It-Faktor kennen wir bereits von der Riege der sogenannten It-Girls, erweitert auf die Bereiche Film und Fernsehen und aktuell wieder auf das Literarische bezogen.
Shades of Grey, ein auf drei Bände angelegtes Romanepos – wie man angesichts der dicke der Einzelbände fast schon behaupten könnte – erzählt die Geschichte um die sexuell unerfahrene Anastasia „Ana“ Steele und den SM-Sex praktizierenden Multimillionär Christian Grey. Der Plot an sich ist schnell erzählt. Ana trifft Christian, zwischen beiden herrscht sofort eine knisternde Anziehungskraft. Obwohl er sie vor seiner Person warnt, kommen die beiden doch nicht voneinander los und sie sich versehen bewegen sie sich jeweils in einer Welt, die für sie bisher völlig unbekannt gewesen ist. Liebe und Beziehung, das waren für Christian bisher nur leere Worte, Ana, die ausgerechnet auch noch Jungfrau ist, lässt sich ab jetzt den Hintern versohlen oder auspeitschen.
So viel dazu. Doch wieso hat nun ausgerechnet dieses Buch einen wahren Lesehype ausgelöst? Fest steht, die Story lässt sich flüssig lesen, das Textverfahren zeichnet sich weder durch markante Brüche, noch durch innovative Schreibexperimente – es sei den man will den inflationären Gebrauch bestimmter Floskeln, wie Kauen auf den Lippen als ein solches betrachten. Die Charaktere erweisen sich als Stereotype, die, vor allem im Fall der weiblichen Figur Ana, oft geradezu karikaturesk überzeichnet wirken. Die Handlung selbst bewegt sich eher an der Oberfläche, Tiefe zeichnet sich dagegen eher in den zahlreichen Sexszenen ab und allgemein erinnert all das ziemlich an jene kleinen reißerischen Papierheftchen, die sich da Groschenromane schimpfen. Und genau hier liegt auch der Knackpunkt. E. L. James Erzählung thematisiert Sex, wilden, harten Sex, keine liebevollen Schmusereien. Mit dem Fokus auf den Bereich SM und dessen detaillierter Ausgestaltung streift die Autorin ein Tabuthema. Spätestens seit Goethes Werther wissen wir, dass genau dieses Bewegen an der Klippe der Abgründigkeit, dieser Balanceakt, bei dem man jeden Moment zu fallen droht, das ist, was die Massen reizt. Was 1774 ein Selbstmord aus Liebeskummer gewesen ist, sind 2012 also von der vermeintlichen Norm abweichende Sexpraktiken.
Dass man bei der Schilderung der intimen Szenen das Gefühl hat, der Autorin treibe es beim Schreiben – ähnlich wie ihrer weiblichen Hauptfigur in praktisch jeder Lebenslage – die Schamesröte ins Gesicht, lässt einen den Roman mit einem leichten Schmunzeln lesen, ebenso wie die oben bereits erwähnte Redundanz vereinzelter beschreibender Passagen.
Trotz allem, steht am Ende aber ein netter „epischer“ Roman, von dem man sich für eine bestimmte Zeit gerne einmal einlullen lassen kann. Oder sind es am Ende doch die grauen, durchdringenden Augen und die lasziv-lässige Art des verschlossenen Multimillionärs Christian Grey, die Frau im sprichwörtlichen Sinne an das Buch fesselt? Nun ja, um bei Doppeldeutigkeiten zu bleiben, Mr. Grey hätte daran sicherlich seinen Spaß. Aber den platten Humor einmal beiseite: So flach die Figur der Ana Steele gezeichnet sein mag, umso spannender gestaltet sich ihr männlicher Gegenpart. Die zahlreichen Parallelen zum Charakter Patrick Bateman aus Bret Easton Ellis Gesellschaftssatire „American Psycho“ verstärken den Eindruck des Abgründigen und werfen bei mancher Passage die Frage auf, ob Miss James sich dort nicht die ein oder andere Inspiration geholt hat, nachdem sie ihre ursprüngliche Twilight-Fanficition der Vampire hatte entledigen müssen. Hollywood, die natürlich auch ein Stück vom Kuchen abhaben wollen, planen derzeit mit Feuereifer die Verfilmung. Wie das Ergebnis aussehen soll, sodass man es nicht direkt als Porno deklarieren muss, ist mir zwar noch ein Rätsel, aber die Tatsache, dass niemand geringer als ausgerechnet Bret Easton Ellis für das Drehbuch verantwortlich sein wird, schürt die Vorfreude. Der Cast steht noch nicht, die Bewerberliste ist lang. Und wenn wir schon mal dabei sind: Liebe Produktionsverantwortliche BITTE! nehmt Ian Somerhalder. Er will die Rolle und wir wollen, dass er sie bekommt. Schaut euch diese Augen an in Kombination mit dem verschmitzten Lächeln, et voilá: Ihr habt euren Christian Grey.
In diesem Sinne: Harter literarischer Sex für einen gemütlichen Sofaabend.

2 Comments

  1. Toller Text..und OMG Ian wäre der Hammer dafür !

    Besuch mich doch mal.. würde mich sehr freuen
    …Bildhübsch

  2. Schön und treffend geschrieben! Und danke für den Querverweis! 😉
    Ich schmöker dann auch direkt mal weiter!

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