„Shame“ – die Lust als Zwang

     Bild via Homepage durch Verleih
Inmitten des Endspurts auf dem Weg zum Magister-Examen bleibt zwangsläufig so einiges, was einem am Herzen liegt auf der Strecke – u.a. gehört dazu leider auch das regelmäßige Schreiben auf NanaKitten.  Und bis die nächste große Hürde im Mai überwunden ist, bleibt kultureller Zeitvertreib, der nicht unmittelbar etwas mit meinen Prüfungsthemen zu tun hat, daher auch ein eher rar gesähtes Gut.
Umso eindringlicher die wenigen Ausnahmen, wie der Kinobesuch am vergangenen Mittwoch, der meinen besten Freund und mich – wenn auch sehr verspätet – in „Shame“ führte. Regisseur Steve McQueen schildert darin eine Passage aus dem Leben des Sexsüchtigen Brandon, in der Hauptrolle der aktuelle Überflieger Michael Fassbender. Dabei dürfte eindringlich genau das richtige Wort für diesen – wie eine Freundin ihn so schönen nannte – epischen Porno sein. Der Film wirft den Zuschauer direkt in die Handlung – oder besser gesagt ins aktive Treiben, dass sich dort in Brandons Bett abspielt. Wenn Fassbenders bestes Stück kurz eine Szene später in Großaufnahme über die Leinwand schwingt, dürfte auch dem letzten klar geworden sein, dass er hier direkt mit dem Kern des Problems konfrontiert wird. Jede Form von Distanz ist ab diesem Moment gebrochen, die Initmität bereits jetzt bis auf ein Maximum gesteigert. Danach folgen wir Brandon ein Stück weit durch seinen Alltag und dort entpuppt sich der Mann mit der unstillbaren Libido als kultivierter, höflicher Gentleman mit gutem Bürojob und ausgeprägten Sozialleben. Ein Siegertyp, zu dem man aufsieht, der bei den Frauen Erfolg hat: ein nahezu perfektes Bild, wenn wir als Zuschauer zu diesem Zeitpunkt nicht bereits wüssten, was sich hinter der  heilen Fassade verbirgt. Doch Brandons „Doppelleben“ droht zu kippen, als seine Schwester Sissy, gespielt von Carey Mulligan, sich für eine Zeit bei ihm einquartiert. Wie soll ein Sexsüchtiger seine Sucht ungestört und heimlich ausleben, wenn ihm die Privatheit in seinen eigenen vier Wänden abhanden kommt. Zudem zeichnet sich Sissy durch eine labile Persönlichkeit aus. Ihr Telefonat mit einem Ex-Lover schreit geradezu nach wilder Obsession und einem dramatischen Wesen, das verheulte Gesicht, die zusammengekauerte Haltung transportieren ihren Hang zur Depression und die Narben an den Armen die Selbstzerstörung. Brandon scheint dabei die Beschützerrolle für seine kleine Schwester einzunehmen. Dennoch charakterisiert sich das Verhältnis der beiden Geschwister zueinander auf den ersten Blick als ein sehr Zweischneidiges. Wir erleben ein permanentes Changieren zwischen tiefer Zuneigung, bei der man den Schritt über die reine Geschwisterliebe hinaus mehr als einmal erwartet und die Zurückdrängung des anderen, um die eigenen Mauern zu wahren. Zwei einsame, gestörte Gestalten, die derart in ihrem eigenen Dilemma verfangen sind, dass sie nicht in der Lage scheinen einen Weg aus dem Abgründigen zu finden. Die Schlüsselszene, die dieses Gefangensein in der eigenen Realität wohl am besten verdeutlicht, ist Sissys Auftritt in einer Bar Downtown, wo sie eine höchst eigenwillige Interpretation von Frank Sinatras „New York, New York“ darbietet. Zu langsamsten Klängen, zerrt ihre tieftraurige Stimme die Textzeilen derart in die Länge, dass von dem heiteren Lied nicht mehr viel übrig bleibt. Stellenweise tritt das Close-up ihres Gesichts derart stark in den Vordergrund, dass sich der Inhalt dahinter verliert. Am Ende wandern leere Worte über ihre Lippen, die Fassade verbirgt den wahren Inhalt, der dahinter liegt. Brandon davon tief berührt, kann sich der Tränen nicht erwehren.
Die Situation zwischen den Geschwistern kippt schließlich, als sich Brandon zunehmend von Sissy in die Enge gedrängt fühlt. Seine Sucht wird zunehmend zum Problem und zwingt ihn, wie einen Verbrecher im Heimlichen zu agieren, um sein Wesen vor weiterhin vor der Außenwelt zu verbergen. Nach einem heftigen Streit verfällt er in einen wahren Sexrausch, der ihn quer durch das nächtliche New York treibt. In diesem Moment verschmelzen der innere Abgrund in Brandon und die Außenwelt. Die Suche nach Befriedigung führt ihn an die zwielichtigsten Ecken der Stadt. Die besondere Schärfe der expliziten Szenen resultiert aus den tonalen Einblendungen seiner schluchzenden Schwester, die seine Mailbox vollspricht.
Die letzte Orgie mit zwei Frauen zeichnet schließlich den Höhepunkt seiner Sucht, indem sich in ihr Lust und Qual, Extase und Schmerz miteinander bis aufs Engste vermischen. Die Körperteile der drei Protagonisten sind an diesem Punkt kaum noch voneinander zu trennen. Auf der Leinwand breitet sich ein alles verzehrendes Lustspiel aus. Nach dieser langen, wilden Nacht beschleicht Brandon am nächsten Morgen mit einem Schlag ein ungutes Gefühl. Und tatsächlich findet er Sissy mit aufgeschnitten Pulsadern inmitten einer roten Blutlache in seinem einst so steril-weißen Badezimmer. Sissy überlebt, die Versöhnung der beiden Geschwister erfolgt im Krankenhaus. Draußen bricht Brandon zusammen. Er scheint geläutert, vielleicht hat er die Sucht überwunden. Doch das wäre zu versöhnlich. Stattdessen bleibt das Ende offen: Als er kurz darauf der Frau vom Anfang erneut in der U-Bahn begegnet, können wir nur erahnen, was folgt. Und gerade dieser Ausgang fügt sich wie das letzte Puzzleteil in den Film ein.
„Shame“ zeichnet das Psychogramm eines Süchtigen, eines seelisch kranken Menschen bzw. zwei seelische Kranker und ihren Kampf zwischen Alltag und Abgründigkeit. Michael Fassbender und Carey Mulligan begeistern durch eine einzigartige Schauspielleistung. Sie überzeichnen nicht und verfallen keinem gestelzten Manierismus, stattdessen gelingt es ihnen alle Getriebenheit und Ambivalenz ihrer Rollen einzufangen. Das offene Ende zeugt von einem gelungenen Blick auf Realismus, der uns nicht weiß zu machen versucht, dass sich alles im Leben mit reiner Willenskraft ändern lässt. Hinter der heilen Fassade verbirgt sich oft mehr. Und vielleicht trägt jeder von uns eine Abgründigkeit in sich, die auf irgend eine Weise versucht sich ihren Weg an die Oberfläche zu bahnen.
Ein genialer Film, der sich seinen Platz im Filmkanon sichern wird.
In diesem Sinne: Die zwei Seiten der Lust oder: das, was hinter der Fassade liegt.

2 Comments

  1. chapeau!

  2. Merci 🙂

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