Melancholia – die Depression als Naturgewalt

Ein Film der bereits bei den diesjährigen Filmfestspielen in Cannes Aufsehen erregte, doch dessen Selbstwert leider aufgrund des Skandals um diverse Äußerungen seitens des Regisseurs viel zu sehr in den Hintergrund gedrängt worden ist. Lars von Triers aktuelles Werk „Melancholia“ watet als bildgewaltiges Psychogramm eines Seelenzustands auf. 
Die Handlung lässt sich relativ knapp zusammenfassen: Es geht um eine Familie, die bei allem oberflächlichen Schein, im Inneren stark zerrüttet ist. Die harsche Mutter tyrannisiert ihre Familie mit ihrer Wut auf das Leben, die eine Tochter, Justine (gespielt von Kirsten Dunst) leidet an starken Depressionen, der Vater steht den Problemen nur hilflos gegenüber und rettet sich durch seinen eigene Feigheit, während die andere Tochter Claire (gespielt von Charlotte Gainsbourg) schließlich aufopferungsvoll darum bemüht ist, sich um alle zu kümmern und dabei in eine Pedanz verfällt, die teilweise roboterhafte Züge annimmt. Nachdem die Hochzeit der depressiven Schwester aufgrund ihrer Krankheit platzt, findet sie Unterschlupf im herrschaftlichen Anwesen der Schwester, die sie mit aller Aufopferung pflegt. Doch dann ist dort auf einmal dieser Stern, der sich als Planet erweist und in seinem Kurs auf die Erde zuhält. 
Und ab diesem Punkt entfaltet Melancholia seine Einzigartigkeit. Im Moment der Bedrohung aller menschlichen Existenz scheinen die Rollen zu kippen. Mit einem Mal scheint es Justine möglich sich bis zu einem gewissen Grad aus ihrer Lethargie zu befreien und so wird sie zur straken Schulter für ihre Schwester. Claire dagegen verliert mit jedem Meter, den sich Melancholia auf die Erde zu bewegt mehr die Beherrschung und wird zum Opfer ihrer eigenen Verzweiflung. Der Gedanke ihr Schicksal beinahe hilflos annehmen zu müssen scheint sie schier in den Wahnsinn zu treiben. 
Mit einer unglaublichen Ausdruckskraft visualisiert Lars von Trier das Krankheitsbild der Depression, an dem er selbst lange Jahre leidet. Nicht nur in der schauspielerischen Höchstleistung seitens Kirsten Dunst, die ebenfalls aus ihrer persönlichen Erfahrung um die eigenen Depressionen schöpft, sondern vor allem auch durch die imposanten Naturzustände. Melancholia als Sinnbild für diesen psychischen Zustand hält unweigerlich auf die Menschen zu, die diesem Ereignis hilflos ausgeliefert sind. Die Depression als Naturgewalt, die über der menschlichen Vernunft und der freien Entscheidung steht. Nach und nach ändern sich die altbekannten Zustände, von einer Art warmen Schnee, bis hin zu wilden Stürmen, sodass schließlich nichts mehr bleibt, wie es einmal war.  Untermalt wird dieses Tragikbild von verschiedenen Symboliken und intertextuellen Elementen. Melancholia ist blau, die Farbe die auch in der Dichtung neben der Unschuld vor allem für die Melancholie steht. Justine im Brautkleid den Bach hinuntertreibend ein Verweis auf Ophelia.
Im seelischen Wandel der Schwestern deutet sich schließlich an, dass diese alles verzehrende Krankheit zu einem gewissen Teil wohl in jedem von uns steckt, nur dass es vielleicht jeweils anderer Momente bedarf, um sie freizusetzen. 
Ein Film, der einen trotz der vermeintlichen Ruhe über den Gesamtverlauf am Ende doch tief erschüttert. Mir haben im Anschluss an die Worte zunächst jegliche Worte gefehlt, ein Umstand der auch nur selten bei mir vorkommt. Dieser Film ist starker Tobak und trotzdem sollte man ihn sich unbedingt anschauen.
In diesem Sinne: Melancholie als Naturgewalt.

2 Comments

  1. wunderbarer film!

  2. chapeau!

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